Die Kunst der Viktorianischen Vanität
Die britische Künstlerin Susan Stockwell kreiert filigrane Kleider aus Papier, Geldscheine und historischen Landkarten. Damit schafft sie einen kritischen Bezug zur geschichtlichen und aktuellen Fragestellungen bezüglich der Machtverhältnisse zwischen England und seiner Kolonialgeschichte.
Auf den ersten Blick wirken Stockwells Kreationen wie aus einem viktorianischen Kostümtraum entnommen, der uns ins 19. Jahrhundert zurück projiziert – glorreich, zart und von der Schwerkraft losgelöst. Jedoch wurden diese nicht konzipiert um zum träumen zu verführen sondern als Symbol, als Erinnerung und hauptsächlich als Kritik an jene Zeit in der die Sonne über dem britischen Imperium nie unterging: Der Höhepunkt der Kolonialzeit, während dessen das englische Reich sich vom Herzen Afrikas bis hin zu Kanada behauptete. Macht- und prachtvoll schloss das Imperium damals über etwa ein Viertel der Erdoberfläche und der Weltbevölkerung in sich.
Stockwell beruht sich auf jene Zeit und entzieht ihr eines ihrer Machtsymbolen: Die Kleidung, oder besser gesagt die « Personalmode » der aristokratischen viktorianischen Frau, Symbol par excellence für Wohlstand, Erhabenheit und Macht.
Stockwell macht sich wahrscheinlich wenig aus Mode, jedoch ist ihr die starke kulturelle Symbolik der damaligen viktorianischen Kleidung nicht entgangen. Das Bedürfnis der britischen Bürger sich anhand üppiger Vanität von ihren kolonialisierten Völkern abzuheben.
Stockwell geht sogar einen Schritt weiter; indem sie detailreiche Roben aus alten Landkarten, Geldscheine und Reispapier aus der damaligen Zeit kreiert. Damit zeigt sie die wirtschaftliche und geografische Dominanz auf und die Ausbeutung der Rohstoffe, die das Imperium in seinen Kolonien betrieb.
Die gelungene Inszenierung der Wiederaufnahme der viktorianischen Mode in Susan Stockwells Werk begeistert durch ihre hoch- ästhetische, scharfsinnige Kritik an einer dekadenten Konsumgesellschaft und wirft die grundlegende Frage auf, ob die Dekolonisation wirklich statt gefunden hat. Somit beweist die Künstlerin aber auch, dass politische Stellungsnahme und Ästhetik sich feinfühlig, sanft und harmonisch in der Kunst vereinen lassen.













