Klassiker der Popgeschichte – Chic

3. August 2012 von Moritz Kammer

John Lennon – Paul McCartney, Mick Jagger – Keith Richards, Liam Gallagher – Noel Gallagher, Nile Rogders – Bernard Edwards… Spätestens nach dem Singlerelease von „Good Times“, 1979, waren Nile Rodgers und Bernard Edwards- die kreative Achse hinter Chic- internationale Superstars der Disco-, R’n’B- und Funkszene der 80iger.

 Einige Sekunden lang knistert und rauscht es verheissungsvoll aus den Lautsprechern, während man begierig auf die ersten Klänge von Risqué wartet. Dann plötzlich: Juchzende Streicher und „Good Times“- Chics Mega-Hit von 1979- nimmt seinen Lauf. Drummer Tony Thompsons ebnet mit simplem aber effektvollem Spiel den Weg, während Nile Rodgers Gitarre mit Stakkatos Takt und Richtung vorgibt. Drums und Gitarre halten sich vornehm zurück, glänzen gar mehr durch effektvolle Abwesenheit denn durch virtuoses Spiel,  damit Bernard Edwards Triumphlauf am Bass ungehindert geschehen kann. Jedermann kennt den legendären Basslauf von „Good Times“, selbst wenn er noch nie von der Pop-Formation Chic, geschweige denn von Bernard Edwards gehört hat. „Good Times“ ist einer der meist gesampelten, meist gecoverten Songs der Popgeschichte.

Den Disco-Soul-R’n’B-Hit gibt es als Rockversion von Queen (Another One Bites The Dust) oder als erste Hip-Hop-Hymne (Rapper’s Delight) von der Sugarhill Gang zu hören. Neben Queen und der Sugarhill Gang haben sich auch Grandmaster Flash, Blondie oder Daft Punk und weitere rund 90 Künstler bei „Good Times“ bedient. Der Opener von Risqué steht symbolisch für die pophistorische Bedeutung Chics. Die Pop-Formation rund um den kreativen Kern Edwards-Rodgers war für die Entwicklung der Discomusik Ende der 70iger von ähnlich massgebender Bedeutung wie die Beatles für die Entwicklung  der modernen Popmusik. Gitarrist Rodgers und Bassist Edwards schenkten der Welt und dem Dancefloor mit Chic Hits wie „Le Freak“, „Good Times“ und „Dance, Dance, Dance“.

Als Produzenten sind sie des Weiteren für Discoevergreens wie Sister Sledge’s „We Are Family“ oder Diana Ross’ „Upside Down“  verantwortlich. Risqué ist jedoch keines Falls nur die Platte, wo „Good Times“ drauf ist. Die sieben Songs des dritten Chic-Albums beschwören eine ganz besondere Stimmung. Titel wie „Can’t Stand To Love You“, „What About Me“ und „My Forbidden Lover“ sind auf Tanzbarkeit getrimmt, thematisieren jedoch die schmerzhaften Aspekte der Liebe und lösen somit eine verzwickte Ambivalenz der Gefühle beim Hörer aus. Das smoothe „A Warm Summer Night“ oder der – mit einem Streichersatz ergänzte- Titel „Will You Cry (When You Hear This Song)“ treiben die heitere Tanzgesellschaft dann jedoch mit aller Vehemenz vom Dancefloor zur Bar und zu einem Whiskey voller trauriger Verzweiflung.  Die Platte wird von Bernard Edwards furiosem Bass dominiert. Nile Rodgers’ Gitarre treibt die Songs mit Stakkatos und Funk-Licks unermüdlich an und schafft zusammen mit den gezielt eingesetzten Streichern und Thompsons Drums die Dancefloor-Tauglichkeit der Platte. Erstaunlich ist auch die überaus bescheidene Zurückhaltung der zahlreichen Sängerinnen und Sänger. Sie scheinen sich ihrer Stellung hinter Rodgers und Edwards bewusst zu sein und diese durchaus auch zu akzeptieren. In der Tat scheint es, als gäbe es die Vocals nur, um der Stimmung des Songs mit Worten noch zusätzliche Tiefe zu verleihen. Alles im Dienste der Chic Organization Ltd., wie sich das Musikerkollektiv selbst nannte. Risqué war ein Pionieralbum des Disco-Genres. Chic kombinierten R’n’B, Funk, Soul und Rock so, dass dabei eine unwiderstehliche Tanzbarkeit resultierte.

Angesichts der Qualität einer Platte wie Risqué, scheint es beinahe unfassbar, dass Chics Hauptmotivation zur Musik die Discohits Frank Farians Marionetten-Band  Boney M. waren…