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Passione Caracciola Auf den Spuren eines Mythos

Bildschirmfoto 2018-06-28 um 15.34.02Wir erklären heute, warum Rudi unvergessen bleibt. Warum die nach ihm benannte Rallye ziemlich cool ist. Und vor allem, warum man unter Zeitdruck auf ein Gummi nicht verzichten kann. Wilma Fasola

Es war einmal ein Mann namens Rudolf. Laut der Bedeutung seines Namens ein «ruhmreicher Wolf». Doch während ihm das ruhmreich auf jeden Fall gut zur Brust steht, ist der liebe Herr im Gegensatz zum Wolf alles andere als ein Rudeltier. Er startete seine Angriffe zwar stets im Verband, aber ansonsten war er ein Einzelkämpfer. Eine echte Ausnahmeerscheinung, die sich keiner Gruppe zu- oder besser unterordnen lässt. Denn die Rede ist von Rudolf „Karratsch“ Caracciola. Dem erfolgreichsten deutschen Rennfahrer der Vorkriegszeit und eigentlich – ohne Vettel oder Schumi zu nahe treten zu wollen – der beste Deutsche aller Zeiten auf der Rennstrecke. 204 Mal ging er an den Start, 144 Rennen beendete er auf dem ersten Platz. Daher darf man einem solchen Menschen auch gerne mal eine Rallye widmen. So passiert erneut vor wenigen Tagen in der Schweiz.

Bis ins Detail Perfektion

Gefragt, was man während der Rallye „Passione Caracciola“ eigentlich macht, ist die beste Antwort: Geniessen. Sowohl die Strecke führt quer durch die schönsten Gegenden der Schweiz und auch das logistische wie auch kulinarische Angebot ist bis ins Detail perfekt. In diesem Jahr gab es unter anderem eine Weinprobe mit Paolo Basso, dem Sommelier-Weltmeister 2013. Dazu Übernachtungen im Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken, im Grand Ressort Bad Ragaz und auch das Kulm in Sankt Moritz ist ja bekanntlich keine schlechte Adresse. Und wenn dann auch noch der Michelin-Koch Martin Dalsass sich die Ehre gibt, weiss man, dass auch abseits der Rallye-Strecke keine Wünsche offen blieben. 2018 wurde übrigens schon die vierte Ausfahrt im Namen von Rudi veranstaltet und die Teilnehmer der Passione Caracciola sind mittlerweile schon eine grosse Familie. Nur 58 teilnehmende Fahrzeuge sind erlaubt. 58 in Anlehnung an das Alter, in dem Karratsch viel zu früh in den Himmel auffuhr. Das macht daher mit Pilot und Co-Pilot rund hundert Nasen, die sich fünf Tage gemeinsam durch die Schweiz schlagen.

Auf jede Sekunde kommt es an

Auch ich bin bereits das dritte Mal dabei und in diesem Jahr gebe ich in einem Lancia Flamina Coupé Touring aus dem Jahr 1963 den Ton an. Und wer nun denkt, dass meine Aufgabe als Co-Pilotin darin bestände, den Fahrer ständig zur Eile anzutreiben, der irrt. So steht die Zeit bei einer Oldtimer-Rallye auf jeden Fall im Fokus, doch anders als oftmals angenommen. Der Sieg geht nämlich nicht an das Team, das als erstes ins Ziel kommt. Gewinner ist, wer während der Sonderprüfungen möglichst wenige Strafpunkte sammelt und zu einer klar definierten Zeit die Ziellinie überquert. Oldtimer-Rallyes sind nämlich Gleichmässigkeitsrennen, geprägt durch zahlreiche Zeitprüfungen. Bei diesen gilt es, bestimmte Strecken innerhalb einer vorgegebenen Sekundenzeit zu absolvieren. Oder um es einfach zu beschreiben: Eine bis auf den Zentimeter genau abgesteckte Strecke wird durch Gummischläuche in verschieden lange Sektoren aufgeteilt. Und für jeden Abschnitt gibt es eine vorgegebene Zeit. Überfährt man das Gummi, wird die gefahrene Zeit genommen und die nächste Zeitmessung automatisch gestartet. Beläuft sich dabei, wie in diesem Jahr erlebt, eine dieser Zeitprüfungen über 17 direkt aufeinander folgende Abschnitte, bringt das Fahrer wie Co-Piloten heftig ins Schwitzen.

Ein Hammer zum Abschied

Insgesamt wurden in diesem Jahr bei der Passione Caracciola zwischen dem Start am Donnerstag in Genf und dem Ende am Samstag in Sankt Moritz um die 700 Kilometer erfahren. Dazu kamen 83 Zeitprüfungen und die Herausforderung, unterwegs auch noch Bilder vom Rudi zu finden. Vier Pässe dürfen ebenfalls nicht verschwiegen werden und auch das Mittagessen im neuen Bürgenstock-Ressort wird allen Dank fantastischer Aussicht gut im Gedächtnis bleiben. Doch am Ende war man auch froh, als man am letzten Tag den grossen Platz vor dem Countryclub des Kulm Hotels in Sankt Moritz erreichte. Stichworte wie Luftkühlung, fehlende Servolenkung und Trommelbremsen reichen aus, um die Herausforderung zu beschreiben. Zum Abschluss und zur Siegerehrung wurde dann noch einmal gross aufgetischt und leider – in den Augen aller Teilnehmer – verkündet, dass nach vier Jahren Passione Caracciola das Event nicht mehr stattfinden wird. Doch da alle den Veranstalter gut kennen, ist man sich einig, dass da auf jeden Fall etwas Neues kommen wird. Anders, aber sicher genauso gut.